Die Chatten

Chatten (Katten; Nachfolgestamm: Chattuarier)

Die Chatten wohnten um die Zeitwende an der Fulda und an der Eder und hatten mit Zustimmung der Römer das Land der Ubier in Besitz genommen, die ja ihrerseits von den Römern umgesiedelt worden waren. Als die benachbarten Sigambrer den Drusus überfielen, der mitten durch das Land der Chatten zog, um die Cherusker anzugreifen, beteiligten sie sich aus Dankbarkeit gegen die Römer an diesem Überfall nicht. Die Sigambrer sind daraufhin auch gegen die Chatten vorgegangen. Dann aber erkannten die Chatten offenbar, welche Absichten die Römer langfristig hatten; sie zogen sich aus dem Gebiet der umgesiedelten Ubier wieder zurück und schlossen mit den Sigambrern Frieden.

Im Jahre 9 v.Chr. unterwarfen sich die Chatten den Römern und durften daraufhin das Gebiet der Swebenstämme besetzen, die nach Böhmen abgezogen waren. Außerdem nahmen sie die Wetterau in Besitz. An der Rebellion des Arminius nahmen sie zwar teil, andererseits war offenbar ein Fürst der Chatten an der Ermordung des Arminius beteiligt (Schwarz).

Im Jahre 15 ging Mattium (das Dorf Metze bei Gudensberg bzw. die Alteburg bei Niedenstein), offenbar ein Hauptsitz der Chatten, beim Rachezug des Germanicus in Flammen auf.

Gegen ihre nördlichen Nachbarn, die Chauken, konnten sie sich zur Zeit des Tacitus nicht behaupten, auch nicht gegen die benachbarten Hermunduren mit denen sie im Jahre 58 um die Salzunger Salzquellen kämpften.

Während des Bataveraufstandes mußten die Chatten den Römern zwar weichen und sich aus dem Taunus zurückziehen (Bataveraufstand), konnten sich aber auch dem Einfluß der Römer entziehen.

Ansonsten weiß man über die Chatten nicht viel; sie waren offenbar mit den Cheruskern versippt, auch wird von ihren Jungmännern berichtet, sie hätten sich Bart und Haupthaar nicht geschoren, ehe sie nicht einen Feind getötet hätten; das erinnert an Mannbarkeitsproben bei anderen Naturvölkern, etwa bei den Kopfjägern. Man weiß weder, woher die Chatten gekommen sind, noch kann man ihren Namen deuten, und schließlich gibt es auch keine Sprachreste, nicht einmal überlieferte Namen.

Erst aus dem Jahr 213 gibt es wieder eine Nachricht über die Chatten; ihre Frauen hätten Selbstmord begangen, um nicht in die Sklaverei verschleppt zu werden. Bonifatius fällt im Gebiet der Chatten, die nun zum Stammesgebiet der Franken gehören, 723 die Donareiche (Bornfatius); in diesem Jahrhundert wird für die Bewohner der Gegend um Eder und Diemel zum ersten Male die Bezeichnung »Hessen« gebraucht, in der die Erinnerung an die Chatten weiterlebt.

Während im Rhein-Maingebiet der fränkische Einfluß das Chattentum überlagert, hält sich das hessische Erbe um Eder, Fulda und Lahn bis in die neuere Zeit. Die bäuerliche Bevölkerung dieser Gegend hat ihre im Laufe der Jahrhunderte entwickelte Eigenart in Brauchtum und Tracht zäh bewahrt. In diesem Raum, in Niederzwehren bei Kassel, stießen auch die Brüder Grimm auf jene alte Frau, die ihnen den Zugang zum Erzählgut aus den Spinnstuben eröffnete; so stammen die Kinder- und Hausmärchen (1821-1822) aus dem Stammland der Chatten.

Quelle: Altes Völkerlexikon

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Katten (Chatti, seltener Catti, v. altnord. hattr, angelsächs. haet = pileus, Filzkappe, abzuleiten), german. Volksstamm, welcher zu den Herminonen gehörte, bewohnte das Land zwischen Rhein, Taunus, Werra, Diemel und dem Teil des rheinischen Schiefergebirges, welcher die Wasserscheide zwischen Rhein und Weser bildet. Ihr Hauptort war Mattium (Maden bei Gudensberg an der Eder). Zu den K. gehörten die Mattiaker, welche am Taunus wohnten; von den K. stammten die Bataver und Chattuarier ab, deren Sitze im Rheindelta lagen. Die K. hatten im Vergleich mit andern Völkern abgehärtetere Körper, straffere Glieder, drohendere Gesichtszüge und größere Lebendigkeit des Geistes, waren reicher an Überlegung und Erfindungsgabe, hielten strengere Kriegszucht und folgten und vertrauten mehr den Anordnungen ihrer Häuptlinge. Ihre Hauptstärke war das Fußvolk. Gleich den Römern führten sie auf dem Marsch außer ihren Waffen auch noch Feldgerät und Mundvorrat bei sich, zogen also nicht, wie die andern Germanen, bloß zur Schlacht, sondern zum Krieg. Sie wußten Verschanzungen aufzuwerfen, und in Schlachtreihen geordnet, kämpften sie mutig und ausdauernd. Die Jünglinge schoren Bart und Haupthaar erst nach Erlegung eines Feindes ab. Ein eiserner Ring bezeugte (nach Tacitus) das Gelübde eines Tapfern, von der beschimpfenden Fessel sich durch die Erlegung eines Feindes zu befreien. Solche Ringträger bildeten die ersten Schlachtreihen und eröffneten den Kampf. Der kattische Krieger war ohne eignen Wohnsitz und Ackergut und quartierte sich im Frieden bei andern ein; erst Altersschwäche setzte seinem Kriegsdienst ein Ziel. Drusus fand bei seinem Plan der Unterjochung Germaniens (11 v. Chr.) anfangs an den K. Verbündete und drang durch ihr Land gegen die Cherusker (im Wesergebiet) vor. Denselben Weg nahm Germanicus, um des Varus Niederlage, welche die K. als Bundesgenossen der Cherusker, Brukterer und Marsen mit herbeigeführt hatten, zu rächen (15 n. Chr.), und 16, als er seine Hauptmacht gegen Arminius führte, schickte er seinen Legaten Silius ab, um die K. im Schach zu halten. Aufs neue kämpften die K. gegen die Römer in Obergermanien zur Zeit des Kaisers Claudius, und 51 verloren sie gegen Sulpicius Galba den bei Varus' Niederlage erbeuteten Legionsadler. Darauf gerieten sie mit den benachbarten Hermunduren um heilige Salzquellen an der Werra in Streit und gelobten (so erbittert waren sie gegen den verwandten Stamm), die Feinde nach ihrem Sieg den Göttern zu opfern; besiegt, wurden viele von ihnen an den Altären derselben geschlachtet (59). Doch muß die Macht der K. bald wieder erstarkt sein. 70, zur Zeit des Bataveraufstandes, bedrängten sie in Gemeinschaft mit den Usipetern die römische Kolonie Moguntiacum (Mainz), doch ohne Erfolg. Die Züge, welche Domitian gegen sie unternahm, glichen mehr denen eines feigen Plünderers als einem ernstlichen Krieg; auch fernerhin blieben die K. der Schrecken der Römer. Glücklicher scheinen Trajan und Hadrian gewesen zu.
Quelle: Meyers Konversationslexikon, Band 9. Seite 619

 

 

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